Das Tagebuch: Kapitel 1.5 – Zwischen Dämmerung und Dunkelheit
- Das Tagebuch: Kapitel 1.0 – Prolog
- Das Tagebuch: Kapitel 1.1 – Der Umzug, die Selbstzweifel und die Ankunft
- Das Tagebuch: Kapitel 1.2 – Das Haus
- Das Tagebuch: Kapitel 1.3 – Die erste Nacht und Schreie aus dem Wald
- Das Tagebuch: Kapitel 1.4 – Die Mitbewohnerin
- Das Tagebuch: Kapitel 1.5 – Zwischen Dämmerung und Dunkelheit
- Das Tagebuch: Kapitel 2.1 – Mein neues Leben, zwischen hier und dort
- Das Tagebuch: Kapitel 2.2 – Es ist friedlich. Fast schon zu Friedlich…
- Das Tagebuch: Kapitel 2.3 – Die Spuren im Alltag
- Das Tagebuch: Kapitel 2.4 – Der Wald hinter dem Haus
22. April (Abenddämmerung)
Ich wachte auf, als der Holzboden über mir knarzte.
Langsam, schwer.
Wie Schritte.
Meine Sicht war verschwommen, mein Kopf dröhnte, und meine Hand brannte wie Feuer. Der Schmerz war tief, pochend – der Biss. Ich hatte ihn nicht vergessen.
Das Licht im Raum war gedämpft, golden-orange – es war Abend geworden.
Ich richtete mich auf, taumelte zur Wand und lehnte mich einen Moment dagegen, um mich zu sammeln.
Etwas stimmte nicht. Das Haus… es sah wieder anders aus.
Wie in der letzten Nacht – neu, gepflegt, lebendig.
Nicht alt und verlassen, sondern fast einladend. Fast.
Dann hörte ich ihre Stimme.
Klar, aber nicht von hier.
Sie war laut, durchdringend, doch zugleich beruhigend – wie ein Gedanke, der von außen in meinen Kopf gedrückt wurde:
„Bleib im Haus. Es ist zu gefährlich.“
„Öffne nicht die Tür – auch nicht, wenn du mich siehst. Ich komme selbst rein.“
„Was da draußen ist, kann nur rein, wenn du es hereinlässt.“
„Du bist hier sicher.“
Mit dem letzten Wort knallte die Haustür zu.
Von selbst.
Der Ton hallte durch das ganze Haus, dumpf und schwer.
Ich lief ans Fenster.
Draußen, am Rand der untergehenden Sonne, dort wo der Wald begann, sah ich sie.
Augen.
Leuchtend, rot-orange wie glühende Kohlen – ein halbes Dutzend, vielleicht mehr.
Sie standen regungslos zwischen den Bäumen.
Schattenhafte Gestalten, zu vage, um sie klar zu erkennen, und doch zu deutlich, um sie zu übersehen.
Sie bewegten sich nicht weiter.
Als hielte sie etwas auf. Eine Grenze, eine unsichtbare Wand.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nur starren.
Was ist hier los?
Träume ich das alles?
Was hat mich gebissen?
Und wer… ist dieses Mädchen?
Fragen. So viele Fragen.
Und keine Antworten.
Ich erinnerte mich an die Worte des Tankwarts.
Sein Blick, dieses Mitleid. Die Warnung.
„Fahr da nicht hin.“
„Du wirst es bereuen.“
War es ein Fehler, hierherzukommen?
Ich weiß es nicht.
Aber ich spüre, dass etwas begonnen hat, das ich nicht mehr aufhalten kann.
Ich zweifle.
An allem.
An mir selbst.